Ich würde so gerne mit dir reden.
Ja….einmal noch….
Ein einziges Mal noch alles ansprechen…
…dich noch einmal wissen lassen, was du mir bedeutest und wie sehr du mir jetzt fehlst.
Und ja…das tust du.
Es vergeht kein einziger Tag, an dem ich nicht an dich denke. Kein Tag, an dem ich nicht zurück schaue.
So oft stelle ich mir immer wieder die selben Fragen. In den letzen Wochen fährt ein Band vor meinen Augen ab…eine Art Fließband, auf dem Erinnerungen stehen, Fragen und Vorwürfe. Kein Richter kann so gnadenlos sein, wie das innere Ich.
Vieles wird mir jetzt erst bewusst.
Manchmal schaue ich deinen Sekretär an und erinnere mich, wie du immer daran gesessen hast und ich sehe all die vielen Tränen, die du daran geweint hast. Und ich frage mich, was war MEIN Anteil daran? Ich war so vieles Schuld, weil ich zu sehr damit beschäftigt war mich selbst zu schützen oder manches nicht ernst genug genommen habe. Aber heute – heute fühle ich all das nach und es tut mir schrecklich weh und so unendlich leid.
Aber zu spät.
Zu spät für Reue, zu spät nun für MEINE Tränen, denn du bist nicht mehr da, nicht mehr bei mir und nun stehe ich hier. Alleine und muss mit diesem Gefühl der Schuld leben. Irgendwie. Nur verdammt – ich weiß nicht wie!
Es gibt Tage, da sehe ich auch die Entwicklung hin zu dem Punkt, der mich heute vor meine eigene Anklagebank stellt….
Trauerjahr. Ja….ich glaube, ich durchlebte es wirklich.
Waren die ersten Wochen und Monate gezeichnet von täglichen Tränen, des „nicht-fassen-können“, so folgte irgendwann ein gefühlsloses Funktionieren, ein Fokussieren, eine dumpfe Wut und der Kontrollverlust über sämtliche Emotionen.
Aber irgendwann bemerkt man, dass man ruhiger wird, man registriert, dass man nicht mehr täglich weinen muss und irgendwann lacht man wieder. Ab und zu.
Und dann kommen diese Momente, die einen wie eine Spinne im Dunklen anfallen….Momente, in denen man einfach nur unendlich traurig ist und weint, weil nichts umkehrbar ist.
Stunden, in denen man sich selbst richtet und die Schuld erkennt und dies einen schier um den Verstand zu bringen scheint.
Ich will schreien, ich will mich losschlagen…ich will frei werden, ich will wieder glücklich sein….aber ich kann es einfach nicht und nichts was ich versuche scheint Erfolg zu haben. NICHTS.
Geduld.
Ja…ich blicke zurück…zurück auf ein knappes Jahr der Tränen, der verweinten Verzweiflung und ich sehe alles ganz genau. Ich sehe es nicht nur….ich kann jede einzelne Sekunde genau fühlen.
Und so fühle ich auch, dass „es“ besser geworden ist.
Ich weine nicht mehr jeden Tag, ich schlafe wieder öfter und ich lache ab und zu wieder. Manchmal sogar aus ganzem Herzen. DAS sehe ich und DARAN richte ich mich auf, wenn ich heute weine und verzweifel.
Heute ist es besser, als gestern – wenn auch noch etwas schlimmer als morgen.
Ich habe Freunde, die einfach nur da sind und Kinderlachen, das mich mitreißt.
Trauerjahr….
Ostern. Kurz nach deinem Tod.
…Aber du hast Ostern immer so geliebt.
Und ich weiß, wie unglücklich du zuletzt warst….wie du geweint hast und wie „lebens-müde“ du warst. Des Lebens müde….im wahrsten Sinne des kraftlosen Wortes.
Als ich Kind war, hast du versucht dir das Leben zu nehmen. Niemals werde ich die ersten Zeilen Deines Abschiedsbriefes vergessen können: „Dies sind meine letzten Worte. Ich habe immer nur für euch gelebt….“ An mehr kann ich mich nicht mehr erinnern, aber ein kleines Kind gab damals ein Versprechen ab: ich wollte immer auf dich aufpassen und immer für dich da sein!
Keine Klassenfahrten mehr…ich wollte immer da sein, wenn dich vielleicht wieder der Mut verließ. So eine Angst hatte ich um dich…. Und heute?
Ich habe immer auf dich aufpassen wollen.
All die Jahre. Deine Krebserkrankungen.
Mein Gott….immer diese Angst um dich.
Deine letzte Krebserkrankung 2010. Zusammen standen wir Seite an Seite alles durch. Als die Ärzte dich als „geheilt“ entließen, musste ich wieder in meine Zukunft schauen und so zog ich nach Bayern.
Und dann?
Als deine Welt zerbrach und alles, was dir Halt gab um dich herum zusammenfiel…da wurdest du so müde.
Nichts konnte dich dauerhaft am Leben halten.
Du hast irgendwann das Leben losgelassen und ich sah deinen Schmerz. Den Kampf…jeden Tag zu überleben. Nicht zu wollen und doch zu müssen….auch für mich.
Du wolltest deinem Leben kein bewusstes Ende setzen, weil du mir nicht erneut antun wolltest, was ich damals erlebt habe.
Und so bliebst du da…aber irgendwann nicht mehr im Leben.
Es tut so weh, zu sehen, wie ein Mensch, der einem schier alles bedeutet, aufhört zu leben und nur noch atmet. Wie er leidet. Erst seelisch und dann auf einmal auch körperlich. Wie der Körper abzulegen scheint, was die Seele schon lange losgelassen hat: das Leben.
Du spürtest deine Hände nicht mehr und zum ersten Mal hörte ich in jedem deiner Worte die Angst und diesen Schmerz.
Diese Angst….diese schreckliche Angst. Vor dem Leben und vor dem Sterben.
Ich wollte dir so gerne helfen, bei dir sein…..dich irgendwie zum „Bleiben“ umarmen, aber all das hast du in Liebe nicht zugelassen.
In Liebe, denn du wolltest nie jemandem zur Last fallen. Nie.
Nie wolltest du, dass man sich sorgt, dass man sein Leben „auf Pause“ stellt, weil man sich Sorgen um dich machte.
Und so hast du oft verhindert, dass ich dich sehe, wie du nie gesehen werden wolltest.
Ich war immer deine „Kleene“.
Als Kind knapp dem Tod entkommen, bin ich für dich nie stark geworden und so wolltest auch du mich immer schützen, wie ich dich immer schützen wollte.
Was für eine Tragik!
Ausgerechnet in dieser Nacht hörte ich den Anruf der Notaufnahme.
Ausgerechnet in dieser Nacht war ich noch nicht ganz eingeschlafen.
Und ausgerechnet ICH sollte entscheiden, was passieren soll.
Ausgerechnet ich.
…Habt Ihr schon mal eine solche Entscheidung treffen müssen?
Über Leben und Tod?
Oder eher…über Tod?
Habt Ihr jemals nachts diese Worte wie Peitschenschläge in die schlaftrunkenen Ohren geschnitten bekommen?
Habt Ihr jemals diese Ohnmacht erlebt, diese Fassungslosigkeit, diese grenzenlose Verzweiflung…diesen Wunsch aufzuwachen und doch zu wissen, dass jetzt alles anders wird?
Und…wolltet Ihr jemals nicht mehr einschlafen…aus Angst am nächsten Morgen sehen zu müssen, dass alles Wirklichkeit ist?
Shorty
du fehlst mir jeden einzelnen Tag und ich würde dir so gerne noch einmal sagen, wie sehr ich dich liebe und so gerne wissen, dass du nun endlich glücklich bist….da, wo du jetzt bist!
DU FEHLST MIR SO SEHR!!!
GESTERN
HEUTE
MORGEN
IMMER
!!!
Deine Kleene