WIE EIN STILLER SCHREI IN DER NACHT
Es war Nacht…als sich dieser schrille Ton den Weg durch die Stille schneidet…hin zu mir…und zerreißt alles, was gewesen ist in winzig kleine Teile, die sich nie wieder zusammenfügen können. Nichts wird je wieder so sein, wie es jemals war….
Aber von Anfang…oder eher…vom Ende?
Auch wenn ich oft darüber nachgedacht und gesprochen habe, so kann ich heute sagen, dass man nie so wirklich ganz vorbereitet ist auf genau DIESEN Moment. Ein Moment, der alles für immer verändert.
Ein Anruf!
Mitten in der Nacht.
Ein „weißer Kittel“ bellt einem in die noch schlaftrunkenen Ohren: ein geliebter Mensch – DER geliebte Mensch –  habe sich auf den Weg gemacht! In die Nacht und auch ins Licht.
Pistolenartig werden nüchterne Fakten in das vor Schock erstarrende Herz geschossen und am Ende steht die Forderung, sich binnen Minuten entscheiden zu müssen.
So war es … in der Nacht am 1. April 2017 …
Ich will mir die Augen reiben, ich will wach werden und durchatmen, weil ich feststelle, dass alles nur wieder ein Alptraum war und jetzt wieder die Sonne aufgeht und ein neuer Tag beginnt. Aber ich wache nicht auf. Ich sitze in meinem Bett und weiß, dass jetzt alles anders wird. Kaum noch fähig einen vollständigen Satz zu formulieren, schießen mir in winzigen Teilen alle Gesprächsfetzen durch den Kopf, die je um dieses Thema geführt wurden. Mein innerer Film schwenkt in Sekundenschnelle über so viele wichtige Szenen…über Phasen der Depression, des Schmerzes, des „Lebens-müde-seins“…an all das denkt mein Verstand und hinter mir steht das Schicksal und tippt mahnend auf seine Uhr. Was hätte sie gewollt, was hätte SIE gewollt??? Lieber Gott…hilf mir, steh mir bei…was hätte SIE gewollt, was soll ich tun? Was soll ich bloß tun??? Ich muss entscheiden…in wenigen Sekunden…die Ärzte müssen handeln…sie kann nicht richtig atmen … Schlaganfall … Sie müssen handeln und so wähle ich benommen vor Schock erneut die Nummer der Notaufnahme und sage die Worte, die zwei Leben beenden: “KEINE MASCHINEN“.
Ich sitze da….um mich herum schreiende Stille und ich wanke vor Fassungslosigkeit…mein Herz schreit und ich weine mit ihm…ich weine, ich schreie…ich kann es nicht fassen….was….warum….was ist passiert…wieso jetzt…und alles endet mit dem Wort „NEIIIIIIIIIIIIIIIIIN!“ Meine Gedanken sitzen in einem Kettenkarussel, an dem gerade in Zeitlupe jede einzelne Kette reißt und ich fliege durch die Nacht…
Trunken vor Fassungslosigkeit versuche ich mich zu konzentrieren auf das, was jetzt zu tun ist. Ich will nur hin…hin zu ihr. 600 km sind eine Erdumrundung, wenn das Schicksal auf die Uhr zeigt. Ich informiere meine Schwester … und plötzlich will ich nur noch etwas sagen…letzte Worte…und so nehme ich eine Sprachnachricht auf…an meine Mutter….
Mutter….
Unser Verhältnis war immer da. Es war immer unglaublich stark. In guten, aber auch in schlechten Zeiten. Wir waren immer verbunden. Ja, man kann sagen, wir waren beinahe immer tragisch miteinander verbunden. Waren wir bis zu meinem Einstieg in mein Berufsleben wie ein einziger Mensch mit zwei Herzen, so waren wir jetzt zwei Menschen, zwei Herzen, die sich an den Händen hielten. Eine tragische Kindheit. Ja…die gab es. Viele Urlaube mit meiner Mutter gaben mir Gelegenheit Dinge anzusprechen die für mich ungeklärt waren. Es macht einem oft Angst, was im Dunkeln ist und so wollte ich immer wissen, warum manches passiert war. Licht machen, damit die Dunkelheit den Schrecken verliert. Wir sprachen über viele Dinge und so konnte ich für mich Antworten finden. Zurück blieben immer wieder Selbstvorwürfe, die sich meine Mutter machte und genau diese wollte ich ihr immer nehmen. Kein Mensch macht wissentlich Fehler und Dinge geschehen. Man muss aber nach vorne schauen, daraus lernen und es besser machen. Wer immer zurück schaut, verpasst, was vor einem liegt und so hatte ich meiner Mutter schon lange verziehen, was es in der Kindheit zu verzeihen gab. Aber meine Mutter stand vor ihrem strengsten Richter: sich selbst und ihrer Depression. Und jetzt….jetzt war sie auf dem Weg zu gehen…wie oft hatte sie gesagt „Ich hoffe, dass es schnell geht“, „Ich habe Angst, dass es weh tut“…und genau jetzt wollte ich sie noch einmal liebevoll umarmen, ihr danken und sie erneut freisprechen von all ihren Zweifeln….und so sagte ich ihr, dass sie immer eine gute Mutter gewesen ist, dass ich weiß, dass sie mich liebt und sie weiß, dass ich sie liebe und dass nur das zählen würde.
Ich bat eine Freundin, die bei ihr war, ihr diese Nachricht vorzuspielen und so machte ich mich auf den Weg zu ihr….
Ich werde nie erfahren, ob sie meine Worte noch gehört hat….
Ich kam zu spät … sie war gegangen … hin in ein anders Sein … aber weg von mir … SIE FEHLT!